29. August 2008 Seminar "Nutzungsanforderungen an Softwareprodukte identifizieren und spezifizieren" am 10.11. - 11.11.2008 in Köln

"Aber was, wenn der Benutzer dieses tun will oder jenes nicht oder anders tun will?" Diese Frage führt in Entwicklungs- und einführungsprojekten von Software oft zu endlosen Diskussionen! Meist viel zu spät im Projekt kochen diese Fragen hoch, die sich im Grundsatz um einen Anforderungstyp drehen, der bis dato in Entwicklungsprojekten unterschätzt wurde: Die Nutzungsanforderungen.

Ein systematisches Requirements Management umfasst organisatorische, fachliche und Systemanforderungen. Darüber hinaus gibt es scheinbar unbekannte Anforderungen, die im Arbeitskontext der Nutzer versteckt sind. Werden diese Nutzungsanforderungen nicht rechtzeitig erkannt und umgesetzt, so beeinträchtigt dieser Mangel nach der Systemeinführung die Produktivität der Nutzer. Hohe Nutzungskosten werden heutzutage aber nicht mehr hingenommen. Im schlimmsten Fall akzeptieren die Nutzer das eingeführte System nicht. Eine teure Fehlentwicklung!

Die Nutzer müssen aber nicht die große Unbekannte in Softwareprojekten bleiben! Es gibt inzwischen Methoden zur systematischen Erhebung ihrer Anforderungen an ein Anwendungssystem. Dazu gehört eine systematische Analyse des Nutzungskontexts. Dabei wird die Kontext-Szenario-Methode angewandt. Die Nutzer werden nicht gefragt, was sie brauchen, sondern was sie tun. Hieraus ergeben sich in mehreren methodischen Schritten die im Arbeitskontext versteckten Nutzungsanforderungen. Aus den Kern-Aufgaben der Nutzer werden anschließend mit der Use-Szenario-Methode weitere Nutzungsanforderungen abgeleitet. Die tatsächlich notwendigen Tätigkeiten der Nutzer am Anwendungssystem werden spezifiziert.

Die genaue Festlegung der Nutzungsanforderungen in dieser frühen Projektphase ist eine unverzichtbare Grundlage für die Validierung der sich hieraus erst ergebenden Systemanforderungen. Auf diese Weise kann von den Vertragsparteien das Risiko einer Fehlentwicklung schon zu Projektbeginn zutreffend eingeschätzt werden.

Zielsetzung

Die Teilnehmenden werden die Kontext-Szenario-Methode und die Use-Szenario-Methode zur Ermittlung von Nutzungsanforderungen an Anwendungssysteme erlernen. Im einzelnen bedeutet dies, dass sie

  • Nutzergruppen ermitteln,
  • Arbeitskontexte analysieren,
  • Kontext-Szenarien auswerten,
  • implizite Nutzungsanforderungen ermitteln,
  • und schließlich Interaktionsabläufe am Anwendungssystem aus Sicht der Nutzung modellieren können.

Auf dieser Grundlage wird das Nutzungskonzept entwickelt, dem Systemkonzept gegenübergestellt und die Frage nach dem Entwicklungsrisiko beantwortet.

Inhalt

Das Seminar vermittelt die folgenden Inhalte:

Vom Arbeitskontext zur Erhebung von Nutzungsanforderungen

  • Identifikation von Nutzergruppen als Basis für die Anforderungsspezifikation
  • Vom Kontext-Szenario zur Anforderungsspezifikation - der methodische Rahmen

Die sieben Grundsätze der Dialoggestaltung zum Aufspüren von Anforderungen

  • Vorstellung der Grundsätze anhand von Praxisbeispielen
  • Übung: Rückführung von Problemmeldungen aus Fachabteilungen in Nutzungsanforderungen mit Hilfe der Grundsätze der Dialoggestaltung

Praktische Übung: Erstellung eines Kontext-Szenarios

  • Vorstellung der Methode "Kontext-Szenario"-Ermittlung von Kernaufgaben, Erkennen von Erfordernissen des Arbeitskontexts
  • Praktische Durchführung eines Kontext-Interviews
  • Aufzeichnung des Interviews als Kontext-Szenario

Vom Use-Szenario zum Use-Case

  • Use-Szenario vs. Use-Case
  • Erarbeitung von Use-Szenarien auf der Basis von Kern-Aufgaben, die im Kontext-Szenario festgestellt wurden
  • Übung: Erarbeitung eines Use-Szenarios, Ableitung von Use-Cases aus Use-Szenarien

Werkzeuge und Hilfsmittel

Überblick über Werkzeuge zum Management von Anforderungen und deren Anwendung auf Nutzungsanforderungen.

Zusammenfassung und Ausblick

Folgende Themenbereiche werden in der Zusammenfassung beleuchtet:

  • Konsequente Rückverfolgung von Anforderungen im Projekt und Rolle der vorgestellten Methodik für systematisches Requirements Engineering
  • Ein praktisches Projektmodell für die Zusammenarbeit zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern
  • Zukünftige Trends

Adressaten

IT- bzw. Informatik-Fach- und Führungskräfte aus Unternehmen aller Branchen und Größenordnungen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Software-Entwicklungsprojekten, die sich mit der Analyse und Spezifikation von Anforderungen auseinandersetzen müssen. Leiter von Entwicklungsprojekten und Qualitätsmanager, die das Risiko einer Fehlentwicklung im Griff haben müssen.

Voraussetzungen

Erfahrungen als Mitarbeiter oder Leiter von Software-Entwicklungsprojekten; Grundkenntnisse des Qualitätsmanagements und der Qualitätssicherung.

Bezug zu anderen Seminaren der Deutschen Informatik Akademie

Die hier vorgestellten Methoden zur Analyse und Spezifikation von Nutzungsanforderungen sind kein Ersatz sondern eher integraler Bestandteil für systematisches Requirements Management und Usability Engineering. In diesem Sinne ergänzt dieses Seminar das DIA-Seminar "Systematisches Requirements Engineering" um das Thema Nutzungsanforderungen, das dort ganz ausgespart ist, und es vertieft das DIA-Seminar "Usability Engineering: Entwicklung gebrauchstauglicher Software", in dem es nur kurz angesprochen wird.

Lehrmethode / Begleitmaterial

Vorträge und Diskussionen. Übungen in kleinen Gruppen, in denen die wichtigsten Tätigkeiten bei der Analyse und Spezifikation von Nutzungsanforderungen beispielhaft erprobt werden. Die Teilnehmenden erhalten die umfangreichen Vortragsunterlagen, Literaturhinweise und einschlägige Web-Adressen.

Maximale Teilnehmerzahl: 20

Weitere Informationen und Anmeldung: Deutsche Informatik Akademie (DIA)